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Speisung der Fünftausend

Wiesbadener Kurier vom 14.7.2011

Schwarzes Brot und blauer Fisch
KURIER-SERIE Kunstwerk der Woche
Die „Speisung der 5 000“ von Ottmar Hörl greift ein biblisches Thema auf


Vom Konzeptkünstler Ottmar Hörl stammt das Kunstwerk mit der weltweit höchsten Auflage. Die weiße Seife in schwarzer Dose mit der Aufschrift ,,Unschuld“ von 1997 wurde 82 Millionen Mal hergestellt. Das entspricht genau der Bevölkerungszahl der Bundesrepublik Deutschland. Massenhaft Kunst für die Massen, könnte man denken, und erinnert sich an die Demokratisierungsbemühungen von Kunst durch die Fluxusbewegung und ihrem Vordenker Joseph Beuys. Bei zahlenmäßig so starker Präsenz darf der 1950 in Nauheim im Kreis Groß-Gerau geborene Künstler auch nicht in der Hochheimer Kunstsammlung, Dauerleihgabe aus Privatbesitz, nicht fehlen.

Im Depot der Sammlung begegnet man der abgebildeten unscheinbaren Pappschachtel mit einem schwarz gefärbten Brot und einem blauen Fisch, beide aus Kunststoff. ,,Speisung der Fünftausend“ nennt Hörl diese in einer Auflage von 100 Exemplaren entstandene Arbeit. Auf was das anspielt ist klar: Jesus, so wird in der Bibel erzählt, soll das Wunder vollbracht haben, mit fünf Broten und zwei Fischen 5000 Menschen satt zu machen.

Knappe Ressourcen

In heutigen Predigten wird der uralte Text meist dahingehend benutzt, um auf die Knappheit unserer Ressourcen zu sprechen zu kommen. Und in einen politischen Kontext rückt Hörl auch durchgängig seine Arbeiten. Ihm geht es darum, Aussagen über die Gesellschaft zu machen, ein Teilaspekt von ihr zu sein, immer mit der festen Absicht, an starren Meinungen zu rütteln und festgefahrene Konventionen zu überspringen. Metaphorisch aufgeladene Gegenstände, wie in unserem Fall Brot und Fisch, durch ihre künstliche, serielle Vermehrung zu Banalisieren und sie gleichzeitig als Kritik menschlicher Allmachtsphantasien, wie sie von Genforschern vielleicht gehegt werden, einzusetzen, ist ebenso provokativ wie genial. Dass er dem plastischen Material seine Integrität lässt und durch das schwarze Brot und den blaue Fisch direkte Farbassoziationen zu Ruß und Meer herstellt, erweitert die formal-gestalterische Wirkung dieses zunächst so simpel daher kommenden Werkes.

Reihung und Simplifizierung sind auch Hörls Prinzipien, wenn er seine seriellen Plastiken im öffentlichen Raum installiert. In Rüsselsheim etwa bei den Skulpturengruppen ,,Familientreffen“ überall im Stadtbild nachzuvollziehen. Mit lackiertem Stahl in industrieller Fertigung stellt Hörl Reliefs von Einheitsfamilien auf und reflektiert damit die ökonomische und soziokulturelle Situation der Autostadt.

Leicht zu erfassende Kunstwerke als Essenz einer komplexen Wirklichkeit, die sich zu ganzer Wirkung entfaltet, wenn sie der geistigen Beweglichkeit des Rezipienten begegnet.

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