Landscape for Sprinters

Ottmar Hörl entwickelt seit 1982 Fotokonzepte unter dem Titel > Landscape for Sprinters<. Zur Ausführung dieser Konzepte rüstete er Fotokameras mit Transportmotoren und Schaltern aus. Damit sind diese Kameras in der Lage, auch in Situationen, die sich menschlicher Einflussnahme entziehen, selbstständig 3,5 Aufnahmen pro Sekunde zu machen. Auf diese Weise wurde bei der Arbeit > Die große Vertikale< eine Kamera vom Dach eines 160 Meter hohen Hauses in der Frankfurter Innenstadt geworfen. Sie fotografierte vom Zeitpunkt ihres Abwurfs bis zu ihrem Aufschlag. Bei der Arbeit >Die große Diagonale oder Hommage à Beckmann< schleuderte ein Hammerwerfer die Kamera von der Mitte des Eisernen Steges aus diagonal in Richtung Frankfurter Innenstadt, die bis zu ihrem Sturz in den Main Aufnahmen machte. Es entstanden weitere Fotoserien mit den Titeln >Horizontale Rotation<, >Duell im Stadtwald<, >Sightseeing< oder >Falzarego<. Dabei wurden zusätzliche Möglichkeiten automatisierter Aufnahmeverfahren erprobt, wie das Anbringen der Kamera an die Radfelge eines Autos, der Gewehrschuss auf das Objektiv einer automatisch ausgelösten Kamera, Kameraabwürfe vom Flugzeug und aus der Drahtseilbahn. Die Fotoserien >Landscape for Sprinters< sind eine extreme Form künstlerischer Äußerung, die im Bereich zwischen Landschaftsmalerei und Skulptur anzusiedeln ist. Im Unterschied zur traditionellen Landschaftsmalerei verwendet Hörl ungewohnte Mittel. Er verzichtet völlig auf die individuelle Künstlerhandschrift und das dazugehörige herkömmliche Material (Farbe und Pinsel). Ebensowenig arbeitet er mit traditionellen Methoden der Fotografie. Denn nicht das Auge des Fotografen erfasst die Landschaft durch das Objektiv, sondern die Kamera hält selbständig den Naturausschnitt fest. Ottmar Hörl automatisiert damit radikal den künstlerischen Gestaltungsprozess. Er orientiert sich am Herstellungsverfahren aus der Warenproduktion und erweitert damit die künstlerischen Mittel um Automatisierung. Ähnlich wie in anderen Bereichen entwirft hier das Individuum nur noch Konzepte und überlässt deren Ausführung Maschinen. Ottmar Hörl gehört damit zu den Künstlern, die sich den Problemen der Gegenwart nicht durch Flucht in die Vergangenheit entziehen, sondern er versucht dafür entsprechende künstlerische Formen zu finden. Ottmar Hörl thematisiert mit Hilfe seiner Kamerakonzepte >Maschinisierung und Unterwerfung der Erde<, die mit einer >>Verminderung individueller schöpferischer Möglichkeiten< < (A. Leroi-Gourhan) verbunden ist. Der einzelne hat weder Kontrolle noch Einfluss auf Vorgänge, die nicht nur seine Existenz, sondern die der Zukunft des Menschen betreffen. Entsprechend verzichtet auch Hörl auf die individuelle Kontrolle des künstlerischen Entstehungsprozesses. Er greift nicht in die Einzelbildgestaltung ein, sondern bringt lediglich den anschließend automatischen Ablauf in Gang. Das Ergebnis sind Bildserien, die kontinuierliche Bewegungsabläufe festhalten. Die Kamera ist das in den Raum geworfene Werkzeug. Mit ihr werden Linien und Figuren geschrieben, die Räume umgrenzen und damit imaginäre Skulpturen sind. Ottmar Hörl reagiert mit seinen Fotoarbeiten auf gegenwärtige Erfahrung mit Raum. Durch die immer schnelleren Fortbewegungsmittel wird Distanz so rasch überwunden, dass Landschaft nicht mehr in Einzelbildausschnitten wahrgenommen wird, sondern als ununterbrochene Abfolge von ununterscheidbaren Eindrücken. Die Beschleunigung der Bewegung vernichtet Raum als Erfahrungserlebnis. Hörl thematisiert einen Raum, der in Abhängigkeit von zunehmender Mobilität bis zu einem Punkt schrumpft, wo all unsere Reisen schon stattgefunden haben und in eine >Immobilität< umschlagen, >>welche nicht mehr jene der Nichtbewegung ist, sondern im Gegenteil jene der potentiellen Allgegenwart, jene einer absoluten Mobilität, welche ihren eigenen Raum dadurch zunichte macht, dass sie ihn unermüdlich und ohne Mühe durchstreift<< (Jean Baudrillard). Ingrid Mössinger (1989)


Foto: Alexander Beck, Frankfurt